Menu

Veli-Mikko Niemi: Ökonomie des Wohlergehens – eine neue Denkweise für EU-Entscheidungsträger

EU2019FI 16.9.2019 9.32
Kolumne
Veli-Mikko Niemi
Foto: Ministerium für Soziales und Gesundheit

Das Wohlergehen der Menschen ist eines der wichtigsten Ziele der Europäischen Union. Nichtsdestotrotz wird die EU immer noch weitgehend als eine Wirtschaftsunion und eine Union des gemeinsamen Marktes wahrgenommen. Ist der Mensch in der EU in Vergessenheit geraten? Wäre es möglich, eine engere Verbindung zwischen der Wirtschaft und dem menschlichen Wohlergehen herzustellen?

Das Ziel des menschlichen Wohlergehens ist in den Gründungsverträgen sowie der EU-Grundrechtecharta aufgenommen. Die ersten Rechtsvorschriften im Bereich der sozialen Sicherheit stammen bereits aus den 1950er Jahren.

Wohlergehen der Menschen und Wirtschaftswachstum voneinander abhängig

Die Ökonomie des Wohlergehens zielt darauf ab, das Wohlergehen der Menschen und der Wirtschaft auf eine Linie zu bringen. Es ist nicht möglich, nur in einer dieser beiden Aspekte Erfolg zu verzeichnen. Über diese Tatsache ist man sich in den letzten Jahren weltweit bewusst geworden.

Der internationale Währungsfonds, die Weltbank und die OECD sind zu der Schlussfolgerung gekommen, dass eine Wirtschaft, die sich nicht um das Wohlergehen der Menschen kümmert, selbst ebenso wenig Erfolg haben kann. Vorbeugung von Krankheiten, Erhaltung von Arbeitsfähigkeit, Gleichstellung der Geschlechter und Förderung des lebenslangen Lernens sind Beispiele für Maßnahmen, die deutlich zum Wirtschaftswachstum beitragen.

Der Sozial-, Gesundheits- und Pflegesektor ist auch ein Wirtschaftszweig mit Wachstumspotential. Die alternde Bevölkerung, die Digitalisierung und die Nutzung von Datenbeständen über das menschliche Wohlergehen sowie das Erfordernis, die unmittelbaren Bedürfnisse der Bevölkerung in diesem Bereich zu stillen, sind Faktoren, die darauf einen Einfluss haben.

Finnland möchte wohlergehensökonomische Denkweise in den Entscheidungsprozess miteinbeziehen

Der finnische Vorsitz schlägt vor, wohlergehensökonomische Denkweisen stark in die Entscheidungsprozesse der EU zu integrieren. Dies setzt einen neuartigen, horizontalen Ansatz voraus. Die EU hat, insbesondere im Euro-Raum, einen starken Einfluss auf die Wirtschaftspolitik. Viele Politikbereiche, die auf das menschliche Wohlergehen Einfluss haben, fallen jedoch in den Zuständigkeitsbereich der Mitgliedstaaten.

Die Ökonomie des Wohlergehens bietet die Möglichkeit, sowohl die Wirtschaft als auch das menschliche Wohlergehen als gemeinsames Ganzes zu behandeln. Eine Herausforderung stellt allerdings die Messung des menschlichen Wohlergehens dar. Zur Beschreibung der wirtschaftlichen Lage werden traditionell Parameter wie etwa das Bruttoinlandsprodukt verwendet. Allerdings ist festgestellt worden, dass diese Parameter nicht repräsentativ genug sind, um auch das menschliche Wohlergehen zu messen. Die Datenerhebung, statistische Analysen sowie die Prüfung von kausalen Zusammenhängen müssen verbessert werden. Über entsprechende Instrumente verfügt unter anderem das Statistische Amt der EU, Eurostat.

Das Europäische Semester ist ein zentrales Instrument der Kommission und der Mitgliedstaaten, um auch das menschliche Wohlergehen zu messen und zu verbessern. Hinter diesem Gedanken steht auch die künftige Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen.

Wenn die Bedürfnisse der Menschen und der Wirtschaft ausgeglichener in der EU-Politik berücksichtigt werden, gewinnt die EU auch in den Augen der Bürgerinnen und Bürger ein Mehr an Daseinsberechtigung.

Veli-Mikko Niemi, Generaldirektor, Ministerium für Soziales und Gesundheit