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Taina Nikula: Eine neue wirtschaftliche Richtung – mehr Recycling, Sparsamkeit und Scharfsinn

Ministerium für Umwelt 25.10.2019 8.04
Kolumne
Foto: Ministerium für Umwelt

Europa ist auf der Suche nach neuen Möglichkeiten, um dem Klimawandel entgegenzuwirken. Zyniker sagen, wir würden nur wieder alte Rezepte ausgraben, andere wiederum sprechen vom Beginn eines großen Wandels, der unser wirtschaftliches Denken in neue Bahnen leiten wird. Die Umwelt- und Klimaministerinnen und -minister leisten mit der Annahme der unter dem finnischen Vorsitz erarbeiteten Schlussfolgerungen des Rates zur Kreislaufwirtschaft im Oktober ihren Beitrag zu dieser Diskussion.

Finnland treibt Kreislaufwirtschaft voran

Finnland wird weltweit als Vorreiterland in Sachen Kreislaufwirtschaft gesehen – dies ist vor allem der Arbeit des finnischen Nationalfonds für Forschung und Entwicklung Sitra zu verdanken. Da ein Teil der Maßnahmen im Bereich der Kreislaufwirtschaft sinnvoller Weise auf EU-Ebene zu ergreifen sind, haben wir uns dazu entschlossen, die Diskussion über Kreislaufwirtschaft auf die europäische Eben zu heben. Darüber hinaus erfordert die Diskussion über die nachhaltige Nutzung natürlicher Ressourcen oder die Reduktion der durch Kunststoff hervorgerufenen Probleme Ansätze und Übereinkommen auf globaler Ebene.

Im Frühling dieses Jahres starteten wir eine Diskussion über die nächsten Schritte in Europa. Die Reise begann mit dem Aktionsplan der EU für die Kreislaufwirtschaft aus dem Jahr 2015, der eine ambitionierte Abfallpolitik sowie Möglichkeiten zur Vermeidung, Verringerung und zum Ersatz von Kunststoff forcierte. Wir in Finnland und auch viele andere waren der Auffassung, dass dies nicht ausreicht.

Kreislaufwirtschaft bietet Lösungen für Nachhaltigkeitskrise

Die Szenarien sprechen für sich. Die Kreislaufwirtschaft bietet sowohl für die Erreichung der Klimaziele als auch den Erhalt der Biodiversität Lösungen. Kreislaufwirtschaftliche Maßnahmen können auch dazu beitragen, die Kohlendioxidemissionen der europäischen Industrie bis 2050 ungefähr zu halbieren. Der Erhalt der Biodiversität wiederum erfordert neben einem effizienteren Ressourcenmanagement auch ökologische Lösungen.

Nach welcher Logik funktioniert die Kreislaufwirtschaft also?

  • Wir haben uns die Ressourcen von der Erde nur geliehen. Wir müssen sie also geschickt verwenden.
  • Die Haltbarkeit von Produkten muss merklich verlängert werden und für nicht mehr benötigte Ressourcen müssen neue Anwendungsmöglichkeiten gefunden werden.
  • Dienstleistungskonzepte, Digitalisierung und die geteilte Nutzung von Ressourcen erleichtern unseren Alltag, ohne dass wir alles besitzen müssen.
  • Die Ökodesign-Grundsätze für energieverbrauchsrelevante Produkte sollte in Zukunft auf zentrale Produktgruppen mainstreamartig ausgeweitet werden.
  • Auch natürliche Ressourcen und Materialien haben ihren Preis und wirtschaftspolitische Maßnahmen können dazu beitragen, den Überkonsum zu lindern und wertvolle sowie umweltschädliche Materialien durch andere zu ersetzen.

Langfristige Strategie zur Kreislaufwirtschaft notwendig

Über diese Themen tauschten sich die Umweltministerinnen und -minister bei ihrer informellen Tagung in Helsinki im Juli aus. Auf Grundlage dieses Gedankenaustausches wurden auch die Schlussfolgerungen des Rates Mehr Kreislaufwirtschaft – Übergang zu einer nachhaltigen Gesellschaft verfasst. Der Rat „Umwelt“ nahm diese Schlussfolgerungen am 4. Oktober 2019 an.

Die Ministerinnen und Minister empfehlen die Erstellung einer langfristigen Strategie für die Kreislaufwirtschaft, um einen systematischen Wandel herbeizuführen. Für die Beschleunigung dieses Wandels sind neben Rechtsvorschriften und finanziellen Mitteln in verschiedenen Sektoren und Bereichen auch neue Initiativen und Geschäftsmodelle vonnöten, mithilfe derer der Verbrauch von Material verringert und dessen Haltbarkeit verlängert wird. Die Verlängerung der Haltbarkeit von Produkten beispielsweise durch Wartung, Reparatur und vermehrte Wiederverwertung sowie letzten Endes das Recycling von Material für neue Produkte wäre hierbei von Bedeutung. Konsumentinnen und Konsumenten müssen bedacht und mit Scharfsinn vorgehen.

Zentrale Sektoren in die Verantwortung und Europa als erster klimaneutraler Kontinent

Die Umweltministerinnen und -minister sind sich unter anderem darüber einig, dass für zentrale Sektoren Strategien ausgearbeitet werden sollen, die ebenso wie die Kunststoffstrategie Maßnahmen zur nachhaltigeren Gestaltung der gesamten Wertschöpfungskette definieren. Neue Maßnahmen sind vor allem in den Bereichen Bau, Textil, Mobilität, Lebensmittel und Elektronik vonnöten. Der Textilsektor verwendet beispielsweise größtenteils Primärrohstoffe, von denen derzeit nur ein Bruchteil recycelt wird. Die Auswirkungen des gesamten Sektors auf das Klima sind größer als die Emissionen des Flug- und Schiffverkehrs zusammen. Der Bausektor wiederum ist für die Hälfte des Verbrauchs der natürlichen Rohstoffe unserer Erde verantwortlich, 35 Prozent der weltweiten Treibhausgasemissionen entstehen in bebauten Gebieten und 30 Prozent des gesamten Abfalls kommt aus dem Bausektor. Diese Emissionen und Abfälle könnten mithilfe von Maßnahmen der Kreislaufwirtschaft massiv reduziert und gleichzeitig nachhaltige Lösungen gefördert werden.

Die Ausführungen der Umweltministerinnen und -minister ergänzen die Politischen Leitlinien der designierten Präsidentin der EU-Kommission Ursula von der Leyen, laut derer sie Europa zum ersten klimaneutralen Kontinenten machen möchte, gut. Zur Umsetzung dieses Plans hat von der Leyen bekanntgegeben, dass die neue Kommission während der ersten hundert Tage ihrer Amtszeit einen Aktionsplan verfassen wird, den so genannten europäischen Grünen Deal, der wohl auch ein Aktionsprogramm zur Kreislaufwirtschaft enthalten wird.

Taina Nikula, Ministerialrätin, Umweltministerium